Herbst 2022. Auf meinem Schreibtisch liegt ein Text, an dem ich seit dem Morgen feile. Wie formuliere ich das genau, sodass die Nuancen passen und Ton und Stil stimmen?

Die richtigen Worte finden, den wahrhaftigen Sinn transportieren – das ist meine Arbeit, seit ich wenige Wochen zuvor meine Übersetzerprüfung bestanden habe. Der Beruf hat gerade erst begonnen.

Dann wird ChatGPT veröffentlicht. Frei zugänglich, für jeden. Ein System, das Texte schreibt und übersetzt – genau das, wofür ich gerade meine Ausbildung abgeschlossen habe.

Zuerst denke ich: Kann eine Maschine wirklich in Minuten leisten, wofür ich Jahre gebraucht habe? Ja, das kann sie, wenn auch nicht ganz perfekt, aber sehr gut. Ich bin verwirrt: Was mache ich, wenn eine Maschine schneller und fast genauso gut übersetzt und Texte schreibt wie ich? Reichen mein Sprachgefühl und mein Textverständnis aus – und sind sie so viel besser, dass ein Kunde lieber meine Dienste bucht, als einfach eine Maschine über den Text laufen zu lassen und die Kleinigkeiten hinterher selbst zu verbessern?

Natürlich gab es immer schon Programme, die einer Übersetzerin geholfen haben. Sie übersetzten schon recht gut, doch am Ende brauchte es einen Menschen. Jemanden, der dem Text den richtigen Ton gibt und die stilistischen Feinheiten herausarbeitet. Jemanden, der Wortbedeutungen unterscheidet und die Intention der Verfasserin oder des Verfassers trifft.

Ein Text, den eine künstliche Intelligenz verfasst hat, klingt fast wie eine menschliche Übersetzung. Nicht perfekt, aber nah an dem, was ein Mensch liefern würde. Genau das macht mich stutzig: Wieso kann eine Künstliche Intelligenz meine Arbeit übernehmen? Was sind ChatGPT, Claude oder Gemini überhaupt, und wie können sie das? Ich habe vorher mit Computern gearbeitet, kannte ihre Grenzen. Dieser Sprung wirkt zu groß für die kurze Zeit, in der er passiert ist.

Also beginne ich zu recherchieren. Was ist Künstliche Intelligenz, und woher kommt sie? Wer hat sie entwickelt, seit wann gibt es sie? Wollte überhaupt jemand eine Maschine bauen, die dem Menschen das Denken abnimmt – oder ist das nur das Nebenprodukt eines ganz anderen Vorhabens?

Ich lese mich durch Einführungen und Überblicke, suche nach dem, was hinter Begriffen wie Künstliche Intelligenz oder Chatbot steckt. Ich schlage Bücher auf, recherchiere im Internet. Fast überall tauchen dieselben Namen auf. Alan Turing. John von Neumann. Eine Frau kommt vor, Ada Lovelace, meist als einzige, oft als Ausnahme.

Konnte es wirklich sein, dass Frauen in dieser Geschichte keine Rolle gespielt haben? Oder sind ihre Spuren verloren gegangen, wurden nie aufgeschrieben?

Ich suche weiter, nach Frauen an frühen Rechenmaschinen, nach Programmiererinnen, deren Namen in keiner Einführung stehen. Ich finde nur wenige Aufzeichnungen, manchmal ist nicht einmal ein Name überliefert. Auf diesem Weg begleiten mich Bücher wie Kathy Kleimans Proving Ground, Pamela McCorducks Machines Who Think oder Joan Didions Let Me Tell You What I Mean – sie zeigen, wie viel Menschliches in der Technikgeschichte steckt, und wie man davon erzählen kann.

Am Anfang stand die Neugier, Künstliche Intelligenz wirklich zu verstehen, statt nur über ihre Zukunft zu diskutieren. Mein biologischer Hintergrund und die journalistische Ausbildung helfen mir dabei, komplexe Zusammenhänge zu durchdringen und verständlich aufzuschreiben.

Diese Neugier ist geblieben. Seit 2024 arbeite ich nun als freie Autorin zu wissenschaftlichen und technischen Themen, insbesondere mit den gesellschaftlichen Auswirkungen von KI und der Geschichte des maschinellen Denkens. Mein Ziel ist es, komplexe technische Entwicklungen verständlich und menschlich erfahrbar zu machen. Mich interessieren weniger Thesen und Technikwissen als die Menschen dahinter, ihre Lebenswege und ihre Irrtümer. Aus solchen Fragmenten ergibt sich schließlich ein Zusammenhang.

Jetzt erzähle ich die Anfänge der Künstlichen Intelligenz, bis zum Zweiten Weltkrieg, und zeige dabei die Frauen, die Teil dieser Geschichte waren, auch wenn ihre Namen selten genannt werden.

Ich saß im Herbst 2022 an diesem Schreibtisch und fragte mich, ob eine Maschine meine Arbeit übernehmen wird. Diese Frage hat mich zu einer neuen geführt: Woher kommt das, was wir heute Künstliche Intelligenz nennen, und wer wurde dabei vergessen?

WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner